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Chamuel: Junioren-WM in Ungarn

Sieg mit der OLV Baselland an der SOLA Basel als Teil der Vorbereitung
Sieg mit der OLV Baselland an der SOLA Basel als Teil der Vorbereitung

Nach der Selektion war alles auf mein grosses Saisonziel ausgerichtet. Dies bedeutete zum Beispiel möglichst viele flache Kilometer sammeln, möglichst in der Hitze und mit zu warmen Kleidern trainieren und nach einer sehr intensiven Trainingsphase folgte eine abschliessende fast zweiwöchige Taperingphase. Die Vorbereitung verlief physisch fast perfekt. Ich musste nie wegen Verletzungen das Trainingsprogramm abändern und konnte vergleichsweise viele Laufkilometer sammeln. Trotzdem war das Gefühl dem Umfang der Laufkilometer nicht entsprechend. Ich erhoffte mir schnellere Fortschritte und musste mich an die Hitzetrainings gewöhnen. Technisch konnte ich einige qualitative Kartentrainings in Finnland und als letzte Vorbereitung in Dijon machen, wo wir uns als Männerteam in ziemlich relevantem Gelände den Feinschliff holten. Auf dem Papier war ich bereit, die Junioren-WM konnte kommen. 

Unterwegs an der Langdistanz
Unterwegs an der Langdistanz

Am Donnerstag reisten wir via Budapest nach Kecskemét an und nutzten die verbleibenden drei Tage, um noch einige kurze Kartentrainings zu machen. 

Am Montag ging es mit der Königsdisziplin los: Eine 15km lange Langdistanz erwartete uns. Mein Start war eher verhalten. Zum einen war ich physisch nicht gleich schnell unterwegs wie die anderen, dazu kam ein Fehler zum dritten Posten, der mich bereits 40s kostete. Nach einem langen Posten war ich mit den kürzeren, mittelschweren Posten leicht überfordert und zögerte immer wieder, konnte aber einen Fehler vermeiden. Ab dann drehte ich aber physisch auf. Nach einem erneuten Fehler von etwas über 30s gelang mir ein sehr guter Lauf bis in Ziel. Im zweiten Teil der Langdistanz verlor ich nur noch wenig Zeit. In den letzten 25' des Laufes war ich gleich schnell unterwegs wie der Silbermedaillengewinner Mathieu Perrin. Das Laufgefühl war aber nicht sehr gut. Die Fehler nervten mich und ich merkte auch unterwegs, dass ich ein paar Mal zu viel stoppen musste.  Mit dem 23. Schlussrang war ich aber dann doch sehr zufrieden und ich freute mich über diesen guten Einstand. Alles in allem war es sicherlich ein zufriedenstellender Lauf und einen guten Anfang.

Unterwegs am Sprint
Unterwegs am Sprint

Am nächsten Tag ging es gleich weiter mit dem Sprint. Ich war mir nicht sicher, wie gut sich meine Beine erholen werden. Die Langdistanz ging nicht spurlos an mir vorbei und während dem ganzen Abend hatte ich abwechslungsweise Bauch- oder Kopfschmerzen. Doch der Speed sollte dann das einzig gute werden am nächsten Tag.

Denn der Sprinttag war einer zum vergessen.  Weil ich im 2017 in dieser Disziplin am besten war, erhoffte ich mir einiges. Wahrscheinlich setzte ich mich auch ziemlich unter Druck. Schlussendlich wurde es aber einer meiner schlechtesten Sprintleistung der letzten paar Jahre. Von Anfang an war ich überfordert, fand keinen Flow und zögerte. Zum Posten 5 verpasste ich den Eingang, den Posten 9 erwartete ich oberhalb der Mauer und verlor deshalb 30s, den Posten 10 erwartete ich an einem anderen Busch und den Posten 15 überlief ich kurz. Beim Überlauf wurde mir zugerufen, dass ich nur 12s hinter der Spitze bin, im Ziel waren es 6s und Zwischenrang 2. Ich staunte, scheinbar haben die anderen Frühstartenden auch Fehler gemacht und die Bahn fordert einfach die Fehler. Kurz wurde ich für diesen Zwischenrang gefeiert, dann kam die Erklärung. Meine Zeit war deshalb so gut, weil ich einen Posten ausgelassen und eine Schlaufe verkehrt herum gemacht habe. Zuerst konnte ich es gar nicht erst fassen, was passiert ist. Erst am Abend und am nächsten Morgen kam die riesige Enttäuschung. Wie konnte dies an einem der wichtigsten Rennen passieren. Ein Rennen, für das ich mich so gut vorbereitet habe und in einer meiner besseren Disziplinen. Eine Antwort habe ich bis heute noch nicht auf diese Frage.... Meine schlechte Sprintleistung, die doppelte Disqualifikation und die verpassten Möglichkeiten, die es in diesem Sprint gaben (bei einer guten Leistung wäre resultatmässig vieles möglich gewesen) war etwas zu viel für mich und ich war froh, gab es am nächsten Tag einen Ruhetag, um all dies zu verdauen und die Wieso-Frage auszublenden.

Vergleich mit dem späteren Sieger Jesper Svenks - grosse Zeitverluste wegen Routenwahlen zu P4 und P10
Vergleich mit dem späteren Sieger Jesper Svenks - grosse Zeitverluste wegen Routenwahlen zu P4 und P10

 Denn der Fokus galt sofort der Mitteldistanz. Das geländerelevante Training am Ruhetag nutze ich als mentaler Wechsel und es gelang mir erstaunlich gut, mich auf die Mitteldistanz-Qualifikation zu konzentrieren. Das Startfeld wurde in drei Heats aufgeteilt und für die Finalqualifikation war eine Platzierung in den besten 20 erforderlich. Mein Lauf war nicht fehlerfrei, aber ich konnte die Fehler klein halten und über weite Strecken war der Lauf sehr gut. Als der Herrentrainer Jönu mir beim letzten Posten zurief, ich müsse nicht stressen, ich sei Zweiter im Heat und ganz sicher im A-Final, fiel mir dann ein riesiger Stein vom Herzen. Es geht doch! Am Schluss war ich dann Dritter und startete somit als siebtletzter im Final.

Der Final war dann gut, aber leider nicht mehr. Bereits zum zweiten Posten erwartete ich es anders im Gelände und zögerte sehr lange. Dazu war ich im Postenraum ungenau. Ab dann lief es aber technisch sehr gut und ich konnte mich in dem schwierigen Grün-Gelb-Gelände erfolgreich orientieren. Kurz vor dem Überlauf verpasste ich jedoch den Posten und verlor erneut 30s. Trotzdem erwartete ich eine gute Zwischenzeit, es wurden viele Fehler erwartet und ich wusste, dass ich kaum mehr als eine Minute verlor. An den Reaktionen beim Überlauf merkte ich aber, dass ich nicht ganz vorne dabei bin, was mich ziemlich demotivierte. Auf der Schlussrunde machte ich dann OL, wie man nicht OL machen sollte. Ohne Konzept, riskant und unüberlegt. Das Fazit: Nochmals über eine Minute Fehler. In der Analyse hat sich dann herausgestellt, dass ich den Rückstand vor dem Überlauf nicht einfach physisch verloren habe, sondern hauptsächlich auf Routenwahlen. Gleich zu mehreren Posten büsste ich aufgrund unterschiedlichen Routen ziemlich viel Zeit ein. Wieso diese Routen so viel schneller sind kann ich mir aber nicht 100% erklären. Vielleicht habe ich zu wenig in diesem Gelände trainiert, um das Gespür für die schnellen Passagen zu finden. Denn ohne die GPS-Analyse hätte ich sehr wahrscheinlich nochmals mindestens ähnliche Routen genommen. Der Frust im Ziel war gross. Dies wäre eine so grosse Chance gewesen. Im mittleren Teil (20' von 30') laufe ich trotz den Routenwahlen, bei denen ich mind. eine Minute verliere, die 12. beste Zeit (+1:50). Die Geschwindigkeit war nicht so viel langsamer als bei den Besten, es hätte keinen optimalen Lauf gebraucht, um in die Top 10 zu laufen. Wahrscheinlich fehlte mir das Wettkampfglück heute. Ich muss aber auch selbstkritisch sein: Die Schlussrunde so zu laufen war wirklich schwach und egal wie ich im Rennen liege, muss ich konzentriert weiter laufen.

Auch im Ziel wusste ich nicht ganz, was ich von meiner Leistung halten soll
Auch im Ziel wusste ich nicht ganz, was ich von meiner Leistung halten soll

Zum Abschluss der Junioren-WM gab es noch eine 3er-Staffel. Für das zweite Schweizer Team lief ich die letzte Strecke. Nach dem Startstreckenläufer Nicola Müller lagen wir etwas zurück, Fabian Aebersold drehte dann aber gewaltig auf und lief auf den sechsten Zwischenrang nach vorne. Inmitten von den besten Läufern der besten Nationen startete ich in brütender Hitze auf die 8km. Am Anfang befand ich mich gleich in einer Gruppe und fand die ersten zwei Posten sehr gut. Zum dritten Posten passierte mir aber ein grosses Missgeschick. Obwohl ich genügend Zeit gehabt hätte, peilte ich den falschen Hügel und lief an einen anderen Posten. Dazu brauchte ich im Stress enorm viel Zeit, um mich aufzufangen und verlor zwei Minuten. Dies war so definitiv nicht so geplant und die gute Ausgangslage schien verloren. Nach ein paar Posten fand ich mich in einer schnellen Vierergruppe wieder und ich nahm eine bewusst defensive Position ein. Ich kontrollierte einfach immer, ob wir richtig rennen. Die anderen machten aber auch ziemlich Tempo, von dem ich profitierte. Kurz vor dem Überlauf merkte ich dann, dass sie in die falsche Richtung rennen, korrigierte und lief zu meinem korrekten Gabelungsposten. Weil ich das falsche Objekt im Kopf hatte, verlor ich erneut einige Sekunden im Postenraum. Das Loch war aufgerissen und ich musste zwei der Gruppe ziehen lassen. Beim Überlauf wurde mir zugerufen, dass es enorm eng sei. Die Schlussrunde war dann technisch gut, im Ziel war ich Achter. Dieser Lauf symbolisiert meine gemischten Gefühle während der Junioren-WM. Eigentlich war meine Leistung nicht total schlecht. Wäre ich aber etwas besser gelaufen, wäre wieder so viel möglich gewesen. Wir verloren nur 1:45 auf die Medaille nach 107' OL. Auf das Diplom waren es 50s.

Was bleibt nach der JWOC sind gemischte Gefühle. Zum einen waren alle Waldwettkämpfe gut. Sie waren nicht überragend, weshalb der erhoffte Exploit ausblieb, aber sie waren solide. Ich konnte immer wieder sehr gute Abschnitte zeigen und die die Ränge 23 (Langdistanz), 3 (im Heat ; Mitteldistanz Qualifikation), 19 (Mitteldistanz) und 8 (Staffel) zeigen eine tolle Konstanz. Trotzdem war ich mind. im ersten Moment fast immer enttäuscht, denn in den Rennen wäre vieles möglich gewesen. Ich habe einige Chancen ausgelassen, die ich an anderen Wettkämpfen durch Topleistungen im richtigen Moment auch schon gepackt habe. Der Sprint ist zum vergessen. Dies muss ich noch auswerten und Schlussfolgerungen ziehen.

Was aber definitiv bleibt, sind ganz schöne Erinnerungen an eine super Stimmung, ein tolles Team, viele Emotionen, top organisierte Wettkämpfe und an eine Vorbereitung, die viel Spass gemacht hat. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich auf dem Weg an die Junioren-WM begleitet haben! Vielen Dank an die Trainer im speziellen Anders Holmberg und Jonas Geissbühler, an die Familie und Freunde, an die Trainingskollegen, an die Sponsoren Rennbahnklinik und Swisslos Baselland, an die Stiftung Basel ist Sport und an die Supporter, an die Vereine OLV Baselland und Järla Orientering und an die Ärtze und Physios. Ihr habt ermöglicht, dass ich dies erleben durfte!

Von der Junioren-WM nehme ich ganz viel Motivation mit, an meinen OL-Fertigkeiten zu arbeiten. Es gibt noch einiges zu tun, aber darauf freue ich mich!

Die tolle Schweizer Delegation
Die tolle Schweizer Delegation

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Brüder aus Münchenstein, BL

beide im Nationalkader von Swiss Orienteering

30 SM-Medaillen

3 internationale Medaillen

12 internationale Top-Ten Ränge



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Fotos: u. a. Rémy Steinegger, Red Bull