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Chamuel: Rücktritt

Im Frühling habe ich während einer langen Verletzungsphase eine voraussichtlich befristete Auszeit vom Leistungssport genommen und bin aus dem Nationalkader ausgetreten. Es war ein befreiender und gleichzeitig auch sehr schmerzhafter Entscheid. Nun habe ich mich entschieden, meinen Rücktritt bekannt zu geben. Mein Körper lässt eine Rückkehr zum Spitzensport nicht zu. Wer mich kennt, weiss, wie sehr ich den Orientierungslauf und den Leistungssport liebte und dass ich solche Entscheide nicht leichtsinnig treffe.

 

Der Austritt aus dem Nationalkader war schlussendlich die Folge vieler Enttäuschungen und einer fehlenden medizinischen Perspektive. Die zweite Operation im November sah vorerst erfolgsversprechend aus und ich machte rasch Fortschritte. Die Ärzte machten mir sehr grosse Hoffnungen und ich begann sogar die Saison zu planen. Es war für mich emotional sehr schwierig und eine riesige Enttäuschung, als sich alle diese Hoffnungen in Luft auflösten und ich im Januar wieder in einer ähnlichen Situation wie vor der ersten Operation war. Ich konnte keine 20 Minuten schmerzfrei rennen und Intervalltrainings im Wasser waren an der Grenze. Mit der Hoffnung, in die Spitzensport-RS gehen zu dürfen, für die ich bereits selektioniert war, setzte ich die Reha konsequent fort. Im März teilte mir dann aber Swiss Orienteering mit, dass sie meine Selektion aufheben und ich nicht nach Magglingen darf.

Heute halte ich es für das einzige Richtige, in dieser Situation eine Auszeit einzulegen und bereue es nicht. Damals fiel es mir aber sehr schwer. Aus dem Nationalkader auszutreten und die Reha abzubrechen, war für mich ein sehr grosser Bruch. Seit ich klein war, träumte ich davon, einmal Profi-Orientierungsläufer zu werden. In den letzten Jahren hatte ich diesem Ziel fast alles untergeordnet und investierte sehr viel Energie und Zeit. Der Orientierungslauf war meine grosse Leidenschaft und ich hätte sehr gerne herausgefunden, wie gut ich darin werden kann.

 

Die Auszeit legte ich mit der Absicht ein, nach einem halben Jahr die Situation neu zu beurteilen und bei einer deutlichen Verbesserung der Wade das Training wieder aufzunehmen. Und das hätte ich auch, wenn es so passiert wäre. Leider ist die Wade aber bis heute trotz langer Pause kaum besser geworden und ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass sich dies bald ändert. Deshalb plane ich nicht mit einem Comeback und nehme die Reha nicht wieder auf.

 

Meinen Kindheitstraum konnte ich nicht erfüllen, trotzdem durfte ich OL auf hohem Niveau betreiben und bin dankbar für die vielen schönen Erlebnisse sowie auch stolz auf meine Erfolge als Junior. Ich konnte dutzende Länder bereisen, durfte viele großartige Menschen kennenlernen und sammelte Erfahrungen, die mich mein Leben lang begleiten werden.

 

Sehr viele Leute haben sich freiwillig und mit grossem Einsatz für mich und den OL-Sport eingesetzt und ihnen gebührt mein Respekt und herzlicher Dank. Ganz speziell möchte ich meinem persönlichen Betreuer Anders Holmberg danken. Er stand mir ganze neun Jahren mit wertvollen Tipps, klugen Ratschlägen und spannenden Ideen zur Seite. Er ist ein großartiges Vorbild und hat einen grossen Anteil an meinen Erfolgen in der Juniorenzeit. Riesiges Merci dir Anders!

 

Ebenfalls herzlich bedanken möchte ich mich bei meiner Familie, Freunden und Teamkollegen. Sehr intensiv unterstützt wurde ich vom NWK NWS, dem Juniorenkader von Swiss Orienteering, der OLV Baselland, Järla Orienteering und dem Gönnerclub der OLV Baselland sowie von meinen Sponsoren Rennbahnklinik, den Stiftungen Basel ist Sport und Sporthilfe Schweiz, sowie dem Swisslos Sportfonds Baselland. Auch allen, die mich während meiner Reha medizinisch betreuten, gebührt mein grosser Dank.

 

Nach meinem Austritt aus dem Kader und dem Abbruch der Reha hatte ich natürlich deutlich mehr Zeit zu Verfügung. Aber langweilig ist es mir zum Glück nicht dauerhaft geworden. Ich bin aktuell im letzten Jahr im Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Uni Basel und das Studium gefällt mir sehr. Daneben bin immer mal wieder mit dem Rennvelo unterwegs oder probiere neue Sachen aus. Ich geniesse es, dass ich mehr Zeit für Freunde habe, spontaner bin und es auch mal gemütlich nehmen kann.

 

 

Im Übrigen habe ich die Laufleitung für die Sprintstaffelmeisterschaft von nächstem Juni in Basel übernommen. Ich freue mich auf die Herausforderung und die Möglichkeit, dem OL-Sport etwas zurückgeben zu können.

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Kommentare: 1
  • #1

    David (Donnerstag, 14 Oktober 2021 23:38)

    Alles Gueti Chamu! Du bisch und bliibsch e riese Maschine!

Brüder aus Münchenstein, BL

beide im B-Kader von Swiss Orienteering

21 und 23 Jahre alt



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